Erstes Hike&Fly nach dem Lockdown auf Hochries

Seit Ende März stand das ganze öffentliche Leben still. Eine Vollbremsung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Die meisten Sportarten waren untersagt, oder sogar komplett verboten. Dazu gehörte auch das Gleitschirmfliegen. Im Monat April hatten wir über einen längeren Zeitraum ein unglaublich gutes Flugwetter. Aber wir durften nicht fliegen. Fast jeden Tag mit Blick nach draußen, ob aus dem Büro, aus der S-Bahn oder von zu Hause aus, erweckten immer mehr Sehnsüchte nach der frischen Luft in 2.000 m Höhe, kreisend in thermischen Aufwinden, fernab von vielen aktuellen negativen Nachrichten. Leider waren mir nur die Videos von längst vergangenen Flügen zum Träumen übrig geblieben. Im Mai waren ebenfalls ein paar gute Flugtage dabei, aber die Rechtslage bezüglich Fliegerei war teilweise so unübersichtlich, dass es ratsam war, auf den Flug lieber zu verzichten. Dann endlich wurden Mitte Mai die ersten Lockerungen in Bayern bezüglich Flugsport verkündet. Endlich konnte man das Licht am Ende des langen Tunnels sehen. Die erzwungene Flug-Diät war vorüber!

Die drei wichtigen Faktoren haben endlich bei mir übereingestimmt. Bei einem Zwischenhoch wurde ein gutes Flugwetter für die Nordalpenseite vorhergesagt – ich hatte einen ganzen Tag Zeit zur Verfügung – und man darf endlich „mit Auflagen“ wieder fliegen. Bingo! Außerdem habe ich in ein paar Tagen Geburtstag. Was gibt es also Schöneres zum Geburtstag, als endlich wieder fliegen zu gehen? In meinem Fall, ein gelungener Hike & Fly nach der langen Zwangsflugpause!
Nach einem kurzen Wind-Gelände-Check, war die Hochries mein Favorit. Vorhergesagt war ein Nord bis Nordost-Wind mit 3,5 m/s mit maximalen Böen von 6 m/s. Vom österreichischen AustroControl war eine mäßige Thermikqualität für Nordalpenraum angekündigt. Allerdings gilt diese Angabe eher für Segelflieger. Für Gleitschirmflieger kann diese Angabe erfahrungsgemäß als „GUT“ interpretiert werden. Im Gegensatz zu Segelfliegern können Gleitschirmflieger kleinräumige Thermikblasen besser ausnutzen. Ansonsten war eine Blauthermik und eine Absinkinversion auf ca. 2.200 m bis 2.600 m vorhergesagt. Im Großen und Ganzen sehr gute Voraussetzungen zum Fliegen. Nur durfte der Osteinschlag am Nordstartplatz nicht zu stark werden, sonst wäre ich wieder heruntergelaufen.

Das letzte Mal war ich im Augsut 2017 auf der Hochries zum Fliegen und habe immer noch sehr schöne Erinnerungen daran. Es ist ein wirklich sehr schönes Fluggelände und eignet sich gut für Anfänger und auch für Streckenflieger. Ausgeprägte Ostwetterlagen sollte man allerdings meiden. Bei Südwind sollte komplett auf das Fliegen verzichtet werden. Aktuell dürfen die Bergbahnen noch nicht betrieben werden, also muss man sich das Fliegen erst hart erarbeiten, indem man die 940 Höhenmeter, samt Flugausrüstung auf dem Rücken, aus eigener Kraft bezwingt.

Für diesen Kurztrip habe ich mein liebgewonnenes Advance Lightness 3 Liegegurtzeug, den Alpha 6 Gleitschirm (hab ja nur den einen), Ersatz-Funktionskleidung und die Black Diamond Distance Carbon Z Faltstöcke eingepackt. Meine Filmausrüstung habe ich leider aus Gewichtsgründen zu Hause gelassen und stattdessen nur mein Smartphone und eine GoPro mitgenommen. Demzufolge sind die Videoaufnahmen vom Aufstieg alles andere als gut geworden. Das nächste Mal werde ich sicherlich einen Gimbal zur Stabilisierung der Aufnahmen mit einpacken. Zusätzliches Gewicht beim Hochschleppen hin oder her.

Gestartet bin ich um genau 10 Uhr vormittags vom unteren Parkplatz direkt neben dem Landeplatz aus. Bei blauem Himmel und milden Frühlingstemperaturen ging ich langsam Richtung Mittelstation los. Die menschenleeren Wanderwege habe ich noch anfangs etwas befremdlich empfunden, aber spätestens nach der Mittelstation habe ich die beachtliche Ruhe in der Natur mit allen Sinnen genossen. Ich weiß diese Momente wirklich zu schätzen, alleine in den Bergen unterwegs zu sein, um über bestimmte Dinge in aller Ruhe nachdenken zu können. Der Flora und Fauna hat es gutgetan, dass der Mensch sich für eine kurze Zeit zurückziehen musste. So konnte ich meine Energiespeicher in der wunderschönen Natur um die Hochries wieder etwas aufladen.

Zwischenzeitlich habe ich die Aufstiegsroute von Ost- nach Westflanke (an der Ebersberger Alm) versehentlich gewechselt. Planlos in den Bergen herumirren ist grundsätzlich eine schlechte Idee. Ich muss mir fest vornehmen die Aufstiegsrouten im Vorfeld besser zu planen, um die Aufstiegszeit zu reduzieren und meine Kraft besser einzuteilen.

Dafür wurde ich mit einem sehr schönen Ausblick in die Landschaft belohnt. Die Aufstiegspfade sind teils sehr steil und rutschig, sodass gescheite Wanderstöcke mit Titanspitzen hier empfehlenswert sind.

Mit eingelegten Foto- und Videopausen wurde der Aufstieg in ca. 3 Stunden von mir absolviert. Das ist zu lange. Ich bin einfach nicht mehr so gut in Form. Ich denke ohne irgendein Handicap und ohne unnötige Exkursionen im Unterholz, kann den Aufstieg inklusive Gleitschirmausrüstung in 1 Stunde und 40 Minuten bewältigt werden.

Am Nordstartplatz angekommen, war ich froh ein paar weitere Gleichgesinnte über dem Startplatz elegant kreisend zu sehen. Es hat schon was Beruhigendes an sich, den Gleitschirmfliegern beim Thermikfliegen zuzusehen. Nach einer etwas kniffligen Hilfeleistung beim Entknoten eines leichten Bergschirmes, wollte ich selber nur noch in die Luft. Gestartet bin ich am Nordstartplatz, welcher sich unterhalb der Drachenstartrampe befindet. Der Startplatz ist richtig gut ausgebaut, aber auch sehr steil gelegen. Deshalb sollte man am Startplatz in voller Montur besonders aufpassen.

Nach dem Start hatte ich sofort eine sachte Thermik erwischt und konnte so ein paar Höhenmeter aufbauen, um parallel zum Bergrücken nach Osten zu fliegen. Zurück am Startplatz angekommen, war die Thermik unterhalb des Startplatzes relativ gut ausgeprägt aber sehr stark durch den Wind versetzt. Hier musste ich bei jeder Umkreisung mächtig vorhalten, um nicht gegen den Hang gedrückt zu werden. Einmal die Hochries überhöht, konnte man mit einem grandiosen Blick nach Österreich gut aufdrehen. Der Wilde Kaiser war in Sichtweite und fast zum Greifen nah. Alleine diese Aussicht war die Strapazen des Aufstieges schon wert gewesen. Ein sehr schönes Geburtstagsgeschenk!

Ein Streckenflug nach Süden (Österreich) wäre an diesem Tag sogar möglich gewesen, aber es ist immer noch nicht legal. Sollte man dennoch es versuchen und in Österreich absaufen, so könnte die Rückreise sehr abenteurlich und mühsam werden. Deshalb würde ich aktuell auf dieses Abenteuer gerne verzichten.

Auch wenn mein Flug nicht besonders lange gedauert hat, war dieser Flug doch sehr emotional für mich. Endlich wieder die pure Freiheit am eigenen Leib zu spüren bekommen. Die Thermik war teilweise ruppig und ich wollte beim ersten Flug nicht gleich übertreiben. Also bin ich nach 30 Minuten überglücklich wieder gelandet. Weniger ist oft mehr.

Das Gefühl der absoluten Zufriedenheit nach der Landung ist bei mir meistens unbeschreiblich intensiv. In diesem Moment kann einem nichts diese positive Energie rauben und man möchte diesen Moment am liebsten für längere Zeit festhalten. Leider funktioniert das nur für eine sehr begrenzte Zeit bei mir und aus diesem Grund werde ich bei der nächsten Gelegenheit wieder fliegen gehen. Meine Thermiksucht 😍 eben.

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