Ein Mini-Streckenflug zum Walchsee

Anders als geplant, bin ich an diesem heißen Juni Sonntag in Kössen viel zu spät angekommen. Grund hierfür waren nicht nur die vielen Baustellen um München, sondern auch die unerwartete Vollsperrung am Walchsee wegen der Triathlon Challenge. Also musste ich umdrehen und eine langen und teils abenteuerlichen Umweg über Aschau im Chiemgau und Durchbruchstal der Tiroler Achen auf mich nehmen. Als ich entnervt in Kössen ankam, wurde es nicht besser. Totalsperrung Richtung Bergbahn Hochkössen. Also habe ich nochmals umgedreht und auf Feldwegen über Eurocamp Wilder Kaiser probiert. Nach langem hin und her habe ich einen Weg zum Parkplatz der Bergbahn gefunden. Was für eine Überraschung, der Parkplatz ist quasi leer. Es kommt ja auch keiner durch bei der ganzen Absperrerei.

Zu meiner Überraschung waren doch einige Piloten in der Luft und es schien auch thermisch aktiv zu sein, denn nicht wenige Piloten überqueren das Tal Richtung Norden mit genügend Höhenreserve. Also tief durchgeatmet, Bahnkarte gekauft und rauf auf den Berg gefahren.

So viel zu der Wettervorhersage. Kein vorhergesagter Westwind, sondern eindeutiger Nordwind, na ja, die thermischen Ablösungen zumindest, ansonsten herrschte fast Windstille. Bei 29 °C auf ca.1.600 m Höhe ü.NN. ungewöhnlich heiß. Wegen wolkenlosen Himmels hatte ich keine Referenzpunkte um den Höhenwind zu bestimmen. Nach einer mentalen Pause habe ich mich entschlossen fliegen zu gehen. Also rein in die dicken Klamotten – wenn schwitzen dann aber richtig – und durfte lange am Hang auf eine entsprechende thermische Ablösung warten. Noch den richtigen Zeitpunkt abgewartet und los…
Oben in der Luft war die erste Zeit sehr mühselig die Höhe zu halten. Kleinräumige und schwache Thermik Bläschen haben im Endeffekt nur für einen Null-Schieber gereicht. Also habe ich oben geparkt und auf bessere Verhältnisse gewartet. Irgendwann habe ich mich auf der Ostseite über den Grat hochgearbeitet und der Westwind war tatsächlich leicht spürbar, also war ich in der Leethermik. Immerhin eine gute Nachricht, da ich an diesem Tag mit Rückenwind zur Steinplatte und Lofar fliegen wollte. Und mit etwas Glück auch wieder zurück – zumindest war so mein ursprünglicher Plan!

Leider konnte ich die nötige Abflughöhe von mindesten 2.300 m oder eher sogar 2.500 m nicht erreichen. Egal was ich probiert habe, bei max. 2.100 m war einfach Schluss auf der Ostseite des Berges. Als ob jemand den Thermik-Off-Schalter umgelegt hat. Ist hierfür eine Absinkinversion verantwortlich gewesen oder muss ich nur besser zentrieren? Ich weiß es ehrlich nicht. Der Wind nahm ebenfalls kontinuierlich an Stärke zu. So beschloss ich nochmal Höhe zu tanken und nach Westen gegen den Wind zum Walchsee zu fliegen. Mit etwas Glück würde ich mit reinem Gleitwinkel da ankommen und könnte bei dieser Hitze sogar noch schwimmen gehen. Hierfür musste ich erst wieder zurück zum Unterberghorn fliegen, da ich mich mit der Thermik bereits sehr weit nach Süden versetzt haben lasse. Über dem Startplatz konnte ich wieder einigermaßen gut aufdrehen. Das ist ganz wichtig, bevor man über das Bermuda-Dreieck am Nachmittag fliegt. Passiert immer wieder, dass Paraglider über diesem berüchtigten Dreieck „ein enges Nord-Süd-Tal an der Westseite von Unterberghorn“ vom bayerischen Wind heruntergespült werden. Und da gibt es keine Landemöglichkeit! Also immer mit genügend Höhe im beschleunigten Flug das Areal überfliegen.
Ich hatte Glück und erwischte über dem Bermuda-Dreieck eine weitere sagenhafte Thermikblase ab. Die Blase war so groß, dass ich beim Hochkurbeln nicht mit Herausfallen zu rechnen brauchte. Belohnt wurde ich mit integrierten Steigwerten bis 3,6 m/s und absolut ruhigen Thermik. So macht Thermikfliegen richtig Spaß. Mit dieser Thermikblase hätte ich eigentlich bis zu der „unsichtbaren“ Basis aufdrehen können. Leider hat sich der Gedanke Schwimmen zu gehen, sich bereits im Kopf so verfestigt, dass ich bei ca. 2.160 m die Thermikquelle verlassen habe und meine Reise zum Walchsee weiter fortführte.
Bei der langen Talquerung hatte ich endlich Zeit für mich. Der Schirm lief absolut ruhig wie auf Schienen. Kein Ruckeln und kein Zucken. Endlich hatte ich etwas Zeit durch die Gegend zu glotzen!

Über der Schwarzenbachalm angekommen spielte ich wieder mit dem Gedanken zurück nach Kössen zu fliegen. Es war doch sehr heiß an diesem Sonntag und der Rückweg würde alles andere als einfach werden. Diese Entscheidung wurde mir allerdings recht schnell abgenommen, da ich keine nutzbare Thermikquelle für einen Wiedereinstieg fand.


Also habe ich den Geländecheck für die Außenlandung durchgeführt. Gefahrenstellen wie Oberleitungen ausgemacht. Nochmal die tatsächliche Talwindrichtung kontrolliert. Über dem See war das ganz einfach, da konnte ich am Wellengang des Wassers die Windrichtung bestimmen und eine entsprechende Wiese möglichst ohne Lee-Barrieren aussuchen. In meinem Fall war die Wiese zum Landen auf der Ostseite vom Walchsee neben der Laufstrecke der Triathleten.

Der Rückweg vom Walchsee nach Kössen zum Auto war bei der Hitze mörderisch. Leider wollte kein einziger Autofahrer einen stark verschwitzen und 1,92 m großen Mann mit einem riesigen Rucksack mitnehmen – irgendwie verständlich.

Was habe ich eigentlich bei diesem Flug gelernt?

  • Die Entscheidung nach Kössen zurückzulaufen und nicht zurückzufliegen habe ich tatsächlich am Anfang meines Fluges unbewusst getroffen. Hätte ich die Thermik über dem Bermuda-Dreieck komplett ausgeflogen, wäre ich am Walchsee mit mehr Reserven angekommen und hätte noch genügend Höhe und Zeit um was Neues zu suchen bzw. im schlimmsten Fall nur mit Rückenwind nach Kössen im Gleitwinkel zu fliegen.
  • Auch wenn die Wetter-Vorhersage am Startplatz nicht messbar war, muss die Vorhersage nicht falsch sein. Wenn ich das im Kopf behalte, wird mir hoffentlich die ruppige Lee Situation erspart.
  • Schwimmen gehen gleich nach der Landung wertet das kleine Abenteuer deutlich auf. Allerdings muss ich für einen besser organisierten Rücktransport sorgen. Geschwollene Füße können ein richtiges Handicap sein.

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