Viele Wege führen zum Walchsee, oder die schlimmste Thermik meines Lebens

An diesem Tag wollte ich nochmal zum Walchsee fliegen. Die Bedienungen waren eigentlich an diesem Tag ideal für dieses Vorhaben, aber die Thermik war rätselhaft schwach und bei knapp 1.500m war sofort der Backofen aus. Eine Absinkinversion lag nicht vor. Es war wie verhext, man konnte einfach vom Unterberghorn nicht wegfliegen. Also dümpelten so ziemlich alle Piloten auf Startplatzhöhe am Unterberghorn rum. Es ging einfach nicht höher und es kamen immer mehr Piloten neu hinzu. Nach knapp 45 Minuten Flugzeit hatte ich die Nase voll. Ich entschloss mich nach Norden Richtung Fluss "Großache" zu fliegen. Ich wollte bereits länger die Konvergenz über Kössen ausprobieren. Das Risiko dort abzusaufen war groß, denn es gab keine weiteren Tuchflieger in diesem Abschnitt.
Da wo der bayerische Wind und der Inntal-Wind über Kössen zusammen kommt, ging es tatsächlich nach oben. Nicht wirklich schnell, aber bei Weitem besser als es am Unterberghorn möglich war. Darüber hinaus musste man hier draußen beim Kurbeln nicht so penibel auf andere Piloten aufpassen. Zusammen mit einem Kumpel konnten wir hier endlich in aller Ruhe und entspannt etwas Höhe machen. In der Konvergenz waren permanente, allerdings sehr leichte Turbulenzen spürbar. Nachdem ich nicht mehr weiter aufsteigen konnte, entschloss ich mich doch noch zum Walchsee zu fliegen. Hier musste ich ziemlich weit gegen den Talwind fliegen. Den Kumpel habe ich hier bereits aus den Augen verloren. Ohne eingeschalteten Funk wusste ich nicht wohin er hingeflogen ist. So mitten im Tal die Reise anzutreten, ist es an sich keine clevere Idee. Aber ich wollte endlich ins Wasser und habe das Risiko, vorher in der Pampa abzusaufen, in Kauf genommen. Irgendwie liebe ich solche Momente.
Das Ziel war "am See ankommen" nicht mehr und nicht weniger. Deswegen habe ich alle mögliche Tricks angewendet, um den Gleitwinkel nicht unnötig zu verschlechtern. Variabel beschleunigtes Fliegen mit ständigem Blick auf die Gleitzahl, Kleinmachen und natürlich die Arme hinter den Tragegurten verstecken, um den unnötigen Luftwiderstand zu reduzieren. Auf die lange Distanz bringen diese Dinge doch ein paar zusätzliche Höhenmeter. An normal thermischen Tagen würde ich diese Routenwahl definitiv nicht treffen. Es war eher ein Verzweiflungsversuch, irgendwie zum See zu kommen.
Über Weißenbach, mit einer Resthöhe von nur 166m über Grund, Ziel zum Greifen nah, fängt mein Vario überraschend an zu piepen. An dieser Stelle hätte ich nie eine Thermikquelle vermutet. Total perplex habe ich natürlich den inneren Drang versprüht trotz Zielerreichung hier sofort eindrehen zu müssen. Es sind eigentlich die ersten Anzeichen einer ernsten Zwangsstörung.😂 Die ersten Thermikkreise musste ich mich weiterhin mit dem inneren Konflikt auseinandersetzen. Eigentlich wollte ich am See landen und endlich ins kühle Wasser springen. Aber hier und jetzt konnte ich wieder unerwartet aufdrehen und mit dem Rückenwind zurück zum Auto fliegen. Eine schwierige Entscheidung.
Natürlich konnte ich nicht mehr einfach am See landen. Ich musste wieder aufdrehen. Bin nun einmal nach Thermik süchtig. Aber diese Thermik war nach ein paar hundert Metern so brutal turbulent und relativ stark, dass ich tatsächlich nur mit Shaolin Kung Fu ähnlichen Übungen den Schirm über mir irgendwie offen halten konnte. Ich würde sogar behaupten, dass ich diese Art der Turbulenz zum ersten Mal unter einem Gleitschirm erlebt habe. Ich habe mich nicht nur unwohl gefüllt, ich hatte richtig Angst vor der Thermik. Aus diesem Grund habe ich diese Thermik nicht bis zum Schluss ausgedreht und bin mit nur einer Höhe von 1.200m AMSL wieder Richtung Kössen zurückgeflogen. Gereicht hat es nur für etwa 70% des Rückweges. Die Außenlandung war auch nicht ohne. Den Rest der Strecke musste ich laufen. Zum Glück ist mein Kumpel auch in der Nähe gelandet, sodass wir gemeinsam den Rückweg zurücklegen konnten und über die Erlebnisse in der Luft und die Tagesausbeute philosophieren konnten.
Ich habe mir noch lange den Kopf zerbrochen, woher diese Thermik am Walchsee eigentlich kam und wieso diese Thermik so einen brachialen Waschmaschinenschleudergang drauf hatte. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Thermik aus dem Tal Richtung Westen mit dem bodennahen bayerischen Wind gegen den Weißenbach gedrückt worden ist. Weißenbach bzw. die vorgelagerten Häuser haben eine natürliche Abrisskante gebildet. Nach knapp 200 positiven Höhenmetern änderte sich abrupt die Windrichtung durch den Talwind aus Inntal. Dadurch entstand eine plötzliche Windscherung von 180°. Die aufsteigende Thermik wurde regelrecht geschreddert. Ich war mitten drin. Geblieben ist mir diese interessante Erfahrung. Falls jemand eine bessere Erklärung hat, so würde ich mich über ein Kommentar freuen.



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